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Hier bloggt das MIKI

Tag: Jeff Jarvis

re:publica 2010

Das größte “Klassentreffen” der Blogosphäre, sozialen Medien und digitalen Gesellschaft fand letzte Woche (14. bis 16. April 2010) in Berlin statt. Rund 2500 Besucher fanden sich auf der re:publica 2010 ein. Den Spirit dieser Veranstaltung wollen wir gemeinsam mit euch in einem Miki weiter verbreiten. Wer sich an der Fortführung des re:publica-Mikis beteiligen will, kann das auf unterschiedliche Weise tun:

  • Zum einen seid ihr natürlich eingeladen, selbst Mikis zu erstellen. Ihr könnt Slides aus dem re:publica-Miki in euer eigenes Miki einbauen und mit weiteren Slides ergänzen, oder eigene Mikis erstellen, die wir in das re:publica-Miki einbinden können. (Wie man Miki-Seiten verlinken kann, könnt ihr in unserem Tutorial nachlesen.)
  • Wer Bilder gemacht hat und nicht selbst ein Miki erstellen will, kann auf unseren Flickr-Pool Fotos hochladen, die wir dann in das re:publica-Miki einfügen.
  • Und wer Artikel geschrieben hat, kann uns gerne den Link schicken, damit wir vom re:publica-Miki dorthin verlinken. Das könnt ihr entweder über die Kommentarfunktion hier im Blog oder über Twitter tun.

Es ist ein Gemeinschafts-Miki, euer Miki, also macht mit!

Übrigens: Dieses Miki könnt ihr auch auf euren eigenen Webseiten, Blogs usw. einbetten! Wie das geht, steht in unserem Tutorial.

Einsam hinter hohen Mauern

Anfang dieser Woche trafen sich rund 250 PR-, Medienfachleute und Journalisten auf Einladung der dpa im Haus der Bayrischen Wirtschaft und sezierten die Lage: Wo geht’s hin mit dem Qualitätsjournalismus, welches Schicksal blüht den Medien. Solche Veranstaltungen haben in letzter Zeit ja Konjunktur, jetzt wo nichts mehr so ist, wie es früher mal so schön war. Wir sind mitten in der Medienkrise. Andererseits ist auch schon so ziemlich alles gesagt dazu. Und geändert hat sich bislang noch nichts. Geschweige denn sieht es so aus, als ob es in Kürze besser würde.

Doch schließlich machte sich unter den Teilnehmern  die Einschätzung breit, es gäbe ja gar keine Medienkrise, die Erkenntnis vielmehr sei: “Wir haben eine Umsatzkrise.”

Na also! Wenn man sein Problem nicht lösen kann, dann hilft es bisweilen, wenn man dem Übel einen anderen Namen gibt. Was Du nicht ändern kannst, das lerne zu lieben. Ein durchaus probates Mittel. Nicht dass jemand eine Umsatzkrise lieben würde, aber es hat einen gnädigeren Klang, es hört sich doch so an, als könne man es ändern, als handele es sich hierbei um eine zwar bedauerliche, aber dennoch nur vorübergehende Erscheinung.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Und ein Blick ins Geschichtsbuch hilft die Augen dafür zu öffnen und führt zur Einsicht, dass es alles andere als vorübergehend, was wir in den Medien seit ein paar Jahren erleben. Als Johannes Gutenberg im Mainz des Jahres 1452 den Buchdruck erfand, hat dies die Welt mehr verändert als Vieles danach. Was damals mittels der beweglichen Lettern losgetreten wurde, hatte eine wahrhaft revolutionäre Auswirkung: Es hat die Menschheit weiter zivilisiert, Kulturen geschaffen und geprägt, den Zugang zu Wissen demokratisiert.

Vor allem hat die Erfindung aber eines bewirkt: sie hat die damals geltende Herrschaft der “Gralshüter des Wissens” beendet. Bis dahin war Wissen einer Elite vorbehalten, wurde in Klöstern, Bistümern und im Vatikan “verwaltet” und in Klosterschulen gelehrt. Bibliotheken waren wie Schatzkammern. Kein Wunder: Eineinhalb Jahre brauchte ein Mönch für das Duplizieren einer Bibel.

Die Demokratisierung des Wissens hingegen brachte das Zeitalter der Aufklärung, in dessen Folge der Klerus noch mehr Macht verlor, nämlich einen großen Teil seiner Deutungshoheit.

Und so hat Gutenbergs Erfindung etwas ausgelöst, was man getrost als Medienkrise bezeichnen kann. Sprechen wir hier ruhig von der Medienkrise 1.0, denn heute, rund 550 Jahre danach, erleben wir wieder eine solche Medienkrise. Und diese Medienkrise 2.0 wird vermutlich ähnlich revolutionäre Folgen haben wir ihre mittelalterliche Vorgängerin. Sie ist vor allem genauso zwingend, genauso unabwendbar, genauso unumkehrbar. Sie ist endgültig.

(R)evolution der Medien

Dabei ist es ja nicht so, dass sich die Menschen nicht mehr für Neuigkeiten interessieren würden. Es ist die Bedeutung der Medienmarke, die verliert. Das Gewicht  von Nachrichten wird nicht länger von Edelfedern bestimmt oder ist in Ehren ergrauten Auslandskorrespondenten geschuldet. Die Einschaltquote ist abhängig vom Grad an Vernetztheit und dem berühmten Google Juice.

Schon heute bekomme ich die meisten der für mich relevanten Nachrichten über Twitter oder mein Freundesnetzwerk bei Facebook. Dort finde ich die für mich wichtigen Links. Diese bringen mich dann vielleicht zu Spiegel Online, zur FAZ oder bild.de. Aber eben nicht umgekehrt. Es ist, was der Web-Vordenker Stowe Boyd das “Web of Flow” nennt. Die klassischen Medien werden so zunehmend zum Rohstofflieferanten. Zusammengestellt, gewichtet und bewertet, also mit Bedeutung und Relevanz versehen, wird woanders.

So konsumieren Menschen heute Medien: Es ist nicht mehr wichtig, auf welcher Seite Informationen stehen. Die Hülle “Medium”, egal ob in Form einer Tageszeitung, einer Illustrierten oder eines Fernsehsenders, ist austauschbar geworden. Die schnelle Frequenz der Twitterfeeds und Statusmeldungen der sozialen Netze ist das zapping dieser neuen Medienwelt.

Es wechselt die Hoheit über die Medien. Nicht mehr Verlage oder Sender bestimmen, welche Nachrichten relevant sind. Nachrichten müssen vielmehr in meinem Netzwerk verfügbar sein. Sie müssen von den Menschen, denen ich vertraue, zusammengetragen, vielleicht sogar bewertet worden sein. Digg.com, Google, Twitter das sind die neuen Player in diesem Spiel.

Diese verstehen vor allem die neuen Regeln: Nicht mehr der Urheber der Information ist der Bestimmer und es gibt niemanden mehr, dem Information “gehört”. Das Medium, als Übermittler der Nachricht, spielt nur noch eine untergeordnete Rolle. Wichtig sind plötzlich die geworden, die bislang nur als Leser, Zuschauer, Nutzer zu gebrauchen waren. Und in dieser neuen Rolle haben sie ein Recht darauf, ernst genommen zu werden.

Das bringt uns zu einer anderen Frage: Warum sollte Papier in diesem Zusammenhang von Wert sein. Wegen der angeblich so wichtigen Haptik? Hat nicht auch die Musikindustrie einmal so argumentiert und die “Haptik von Zelluloid” gerühmt? War nicht die Plattensammlung früher der ganze Stolz eines jeden Halbwüchsigen, ein Statusobjekt? Alles passé. Heute bestimmen Musikplattformen wie iTunes den Takt. Die Musikindustrie ist nur noch der Zulieferer. Und gerade erst hat der US-amerikanische Social-Media Experte Clay Shirky in einem Interview mit dem Mediendienst kress vor falscher Zuversicht gewarnt: “Dass Medien nicht verschwinden, ist eine Fantasie.” Und genau: Wo steht eigentlich geschrieben, dass es Print immer geben wird?

Die Zeitungsindustrie hat schon einmal ein ähnliches Desaster erlebt, beim Geschäft mit den Kleinanzeigen, jahrzehntelang eine der tragenden Säulen vieler Tageszeitungen. Noch in den 90er Jahren des letzten Jahrhundert konnte sich kaum ein Zeitungsmanager vorstellen, dass diese wundervolle Gans einmal keine goldenen Eier mehr legt. Trotzdem stellte die Gans das Legen ein. Andere Player aus anderen Branchen bestimmen heute auch hier das Geschäft. Tageszeitungen können nur zusehen, hier mühselig wieder Terrain zurückzuerobern.

Und heute?

Wir erleben eine technologische Revolution, ähnlich wie damals mit der Erfindung aus Mainz. Das Internet und seine immer einfacher zu bedienenden Werkzeuge befördert uns alle zu Medienmachern. Plötzlich wechseln wir die Seite des Tisches, eben noch staunend Konsument, schon Produzent. Bald gibt es mehr Autoren als Leser. Diese neu erwachsene Macht nutzen wir leidlich, wie der Erfolg von YouTube, Wikipedia, Twitter oder millionenfache Blogs zeigen. Dabei entsteht eine neue soziale Ordnung und ein neues Wirtschaftsgefüge, effizienter als jemals zuvor. Das ändert alles.

Und so geht es bei der Veränderung der Medienwelt heute nicht um den Rückgang von Auflagen oder den Wegfall von Anzeigen. Und schon gar nicht um Umsatz. Dies sind nur sichtbare Folgen. Es geht um den Verlust eines ganzen Geschäftsmodells, das über Jahrhunderte getragen hat und möglich geworden ist erst durch die Medienkrise 1.0. Es geht um den Verlust der Deutungshoheit bei der Bewertung und Gewichtung von Information. Einen interessanten Artikel finde ich gerade von einem deutschen Urgestein des Internets, Ossi Urchs, dem ich seit Mitte der 90er Jahre immer wieder bei inspirierenden Gelegenheiten begegne. Er beschäftigt sich in einem Artikel über das “Echtzeit-Web und die Zukunft des Journalismus” mit diesem Phänomen (Ergänzung vom 12. Juli 2009).

Was ist nun die Lektion?

1. Umdenken

Den Fehler der Musikindustrie vermeiden! Deren Arroganz hat sie fast das Leben gekostet. Wenn der Wert der einzelnen Marke abnimmt, dann liegt die Zukunft in Kooperationen und in Plattformen. Dort können neue Modelle entstehen, die auch für Medien das Überlegen sichern. Was es dazu aber braucht ist ein radikales Umdenken und das Aufgeben der alten “Hoheitsansprüche”. Dazu muss das Medienestablishment Google, Digg & Yigg, Twitter&Co. nicht als Bedrohung, sondern als Chance begreifen.

2. Ernstnehmen

Runter vom hohen Ross! Die etablierten Medien können heute zu Recht einen hohen Professionalisierungsgrad für sich in Anspruch nehmen. Aber wie lange noch? Je mehr einfach zu nutzende Technologien und Werkzeuge im Netz verfügbar werden und Konsumenten “lernen”, selber Medienmacher zu sein, um so größer wird auch hier die Professionalisierung werden. Und andere Plattformen werden gleichziehen. Die Huffington Post sei hier Menetekel. Schon beschäftigt Arianne Huffington auch professionelle Journalisten und kann sogar Geld für investigativen Journalismus ausgeben. Und das, während traditionellen Medien hierfür das Geld ausgeht.

3. Beteiligen

“Je mehr Kontrolle Sie ausüben, desto weniger wird man Ihnen vertrauen. Je mehr Kontrolle Sie abgeben, desto mehr Vertrauen wird man Ihnen schenken,” rät der Medienexperte Jeff Jarvis in seinem Bestseller “What would Google do?”. Wenn der Nutzer also schon einen Gutteil dazu beiträgt, dass eine Nachricht überhaupt noch eine Relevanz bekommt, ist es dann nicht folgerichtig und zwingend geboten, ihn in den Publishingprozess als gleichberechtigten Partner einzubinden? Das hieße, die Medien als Plattformen zu öffnen, die Leser und Zuschauer zu (Mit)Bestimmern zu machen und Kontrolle abzugeben.

Statt Vergangenem hinterher zu jammern, würden Medien so der Wegbereiter einer neuen Medienkultur auf Basis eines “Netzes der Möglichkeiten”. Anderenfalls könnte den traditionellen Medien das gleiche Schicksal drohen wie einst den Mönchen der Gutenbergschen Epoche: Sie sterben einsam hinter hohen Mauern. Den “Abgesang” jedenfalls gibt es schon…

Das MIKI zur NEXT09, Deutschlands wichtigster Internetkonferenz, ist jetzt in ganzer Pracht online: Über 100 Slides mit vielen Impressionen, Videos, Links und mehr. Erlebt noch einmal Jeff Jarvis und Stowe Boyd, Umair Haque, Andrew Keen und viele andere Top-Speaker in der einmaligen MIKI-Darstellung.

Und nicht vergessen: Viele andere tolle MIKIs gibts im Kiosk.